Offener Brief an Chefredakteur für einen Tag Xavier Bettel

Sehr geehrter Herr Bettel,

mit grossem Interesse lese ich die von Ihnen als Chefredakteur zu verantwortende Wort-Ausgabe (12. Mai 2018) unter Ihrem Credo „zuhören, ehe man Entscheidungen trifft“. Das hat mir sehr gut gefallen und ich möchte Sie beim Wort nehmen.

Das, was der jetzigen Regierung am meisten am Herzen liegt und der Wirtschaft noch viel mehr, ist wohl die Volldigitalisierung der Gesellschaft.

Das hat viel zu tun mit Wirtschaft, Macht, Einfluss und dem Ausschöpfen des Machbaren zugunsten einiger Weniger, zu Lasten Vieler. Darüber wird noch gern und leidenschaftlich zu streiten sein, der Weg des Zuhörens liegt dabei noch vor uns.

Wer aber unfreiwillig jetzt und absolut darunter leidet, das sind unsere Kinder und zwar ausnahmslos von 0 bis 7; auch bis 12 ist noch lange nichts selbstlaufend. Sie werden bereits ab der Geburt gnadenlos instrumentalisiert und mit dem Siegel der Moderne gebrandmarkt – schon als Babies hantieren sie mit Smartphone und Co, als wäre es „angewachsen“; Facebook-account statt Personalausweis. Als wehrlose Zielgruppe und hochgradig suchtgefährdete „Kunden“ digitaler Spielzeuge sind sie hilflos auf Gedeih und Verderb dieser „Spiele“maschinerie ausgeliefert und lassen sich davon willenlos hypnotisieren, wenn nicht ihre Eltern auf ihre eigene Verantwortung hin, unter Inkaufnahme heftiger sozialer Sanktionierungen durch nahezu alle anderen gesellschaftlichen Akteure sie davor schützen. Aber auch das hat seinen Preis!

Die elektronischen „Spielzeuge“ entpuppen sich bei genauerem Hinsehen allesamt als „süchtig machend“. Aber hauptsächlich die Computerspiele untergraben mit ihren ungeheuerlichen Gewaltphantasmen, Kampf-, Kriegs- und Tötungssimulationen unser zwischenmenschliches Wertesystem. Das geht einher mit einer neuzeitlichen Form des Ignorierens kindlicher Bedürfnisse durch Eltern und Geschwister, die ebenfalls eng angekettet an diesen „Dingen“ durchs Leben schieben, den Blick beinah unentwegt auf diese kleinen viereckigen Kisten gerichtet, egal in welcher Lebenslage. Dagegen kommt selbst Kleinkind mit seinem Jahrtausende alten, existenzsichernden Kindchenschema nicht länger an. DAS sollte uns Angst machen. Tut es aber nicht; das digitale Faszinosum hat schon zuviele seiner Kunden fest im Griff. Die Politik spricht im Zusammenhang mit Digitalisierung immer von …. bereichernd, entlastend, gestaltbar, unausweichlich, unumkehrbar, konkurrenzlos, alternativlos, existentiell, unserer Zukunft.

Bitte, Herr Bettel, folgen Sie Ihrem eigenen Motto und ich möchte es nur ein klein wenig abwandeln: Zuhören, um Entscheidungen zu treffen.

Bitte laden Sie Frau Gabi Rapp von BeeSecure ein und hören Sie ihr eine Stunde lang zu. Lassen Sie sich erzählen, was in unseren Kindergarten- und Schulklassen los ist. Wie sehr sich Kindheit durch die Existenz dieser „Dinge“ verändert, wie sehr sich die Kinder, die diesen „Dingen“, „Spielen“, „Social-Network-Systemen“ in voller Härte ausgesetzt sind, psychisch verändern. Wie sich das Lernverhalten dieser Kinder verändert. Wie sich das Spiel- und Sozialverhalten dieser Kinder verändert, wie sich das Lernklima in den Klassen verändert, wie sich das Miteinander zwischen Kindern&Kindern, Kindern&Lehrern, Kinder&Lehrern&Eltern … verändert.

Und bitte überdenken Sie danach, ob Digitalisierung ab Null Jahre wirklich das ist, was unser Land und seine Menschen in eine gute Zukunft führt. Kinder- und Jugendschutz ist eine gesetzliche Option, das funktioniert auf anderen Gebieten auch.

Ich glaube an die Kraft des Zuhörens, ich glaube wirklich daran und deshalb bitte ich Sie eindringlich, hören Sie Frau Gabi Rapp und den betroffenen Kindern, Eltern und Lehrern zu.

Mit freundichen Grüssen

Petra Stober

Gemeinde Rammerich

(Dëse Bréif war am Wort, den 26. Mee 2018)