Exclusiiven Interview mam Inga Erchova

ingaokKönnen Sie uns erklären, warum die Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit so wichtig ist? Läuft die junge Mutter nicht die Gefahr, dass ihre Trauer oder ihr schlechtes Gewissen sich verschlimmern?

Inga Erchova: Wenn wir Mütter werden, wird unsere eigene Kindheit unerwartet wieder präsent und die erlebten Entbehrungen werden wieder schmerzhaft spürbar. Es liegt in der Natur der Sache und wir können es mit der bloßen Willenskraft nicht verhindern oder vertuschen.

Das Kind, das wir einmal gewesen sind und das in unserer Seele weiterlebt, tritt dann in Konkurrenz mit dem realen Kind, das wir geboren haben. Wenn das innere Kind ausgehungert, verletzt und verlassen ist, können wir das Verlangen des realen Kindes nicht hören und nicht befriedigen. Wir können das schreiende Kind nicht ertragen. Wir empfinden es als Bedrohung unseres Wohlbefindens. Sein Weinen erinnert uns unbewusst daran, wie ausgehungert nach Liebe wir selbst in Wirklichkeit sind. Viele von uns flüchten, werden aggressiv oder depressiv und schalten ihre Gefühle aus, angesichts des Verlangens des Babys nach Nähe, die uns selbst so sehr gefehlt hat.

Die Trauer verschlimmert sich nur, wenn die junge Mutter sie zu verdrängen versucht, sich ablenkt oder wegschaut. Ein ehrlicher Blick in die eigene Kindheit entlastet, weil der Schmerz mit Trost und Mitgefühl gelindert wird, nicht mit Ablenkung und Vergessen.

Warum ist die eigene Kindheit so prägend für das Elternsein weit mehr als die Erziehung, Bildung oder Kultur, in der man lebt?

Inga Erchova: Wenn wir während unserer ersten Lebensjahre mit Liebe und Zuwendung versorgt werden, dann bildet sich so etwas wie ein emotionales Polster, das uns lebenslang trägt. Wenn wir später Kinder kriegen, spendet uns dieses Polster die nötige Energie und die Liebe fließt in Fülle. Im konträren Fall sind unsere emotionalen Reserven leer und wir haben nichts, woraus wir schöpfen können. Die Abwesenheit der Muttergefühle verrät, wie ausgehungert nach Liebe wir selbst in Wirklichkeit sind.

Worauf sind Frauen, die ihr Muttersein bereuen, nicht vorbereitet gewesen?

Inga Erchova: Mit ihrer eigenen Kindheit konfrontiert zu werden. Sie denken, das Kind hat sie ihrer Freiheiten beraubt. Doch das Unwohlsein kommt nicht nur vom Gefühl gefangen zu werden. Kinder beleben alte Wunden aus unserer eigenen Kindheit wieder, die uns bis dato oft nicht bewusst waren. Das macht das Muttersein so schwer.

Was sind die wahren Krisen im Wochenbett und in der Zeit danach?

Inga Erchovjedemuttera: Wenn sich junge Mütter an die rationale Welt klammern und sich ihren Gefühlen versperren, dann kann dieser innere Kampf sie an den Rand des Zusammenbruchs führen. Erschwerend kommt die Tatsache hinzu, dass junge Familien heutzutage isoliert leben und von ihren Herkunftsfamilien keine Hilfe bekommen. Junge Mütter verbringen lange Tage alleine mit ihrem Neugeborenen und müssen noch den Haushalt erledigen. Das ist unerträglich. Die Redewendung „Es braucht ein Dorf, um ein Kind groß zu ziehen“ kann ich nur unterschreiben.

In unserer Gesellschaft läuft so manches schief: Mütter werden gedrängt, so schnell wie möglich wieder arbeiten zu gehen und das Baby in eine Krippe zu geben: ist das nicht viel schlimmer für das Baby und die Mutter, als einige Wunden (keine Dramas, natürlich) nicht überwunden zu haben?

Inga Erchova: Je früher die Trennung von der Mutter stattfindet, desto schmerzhafter ist sie für das Kind. Aber nicht allein die physische Präsenz der Mutter zählt, sondern ihre Fähigkeit, sich mit dem Kind emotional zu verbinden, es zu spüren, mit ihm mitzuschwingen und mitzufühlen. Eine Mutter, die geistig abwesend ist oder die ihre Gefühle schon sehr früh ausschalten musste, um die Lieblosigkeit ihrer eigenen Kindheit ertragen zu können, vermittelt ihrem Kind wenig Geborgenheit, auch wenn sie physisch da ist. Wenn wir lernen, unsere Gefühle wieder einzuschalten, dann spüren wir den alten Schmerz wieder, dafür aber auch das reale Kind vor uns. Erst dann fühlt sich das geborene Kind nicht alleine.

Wann wäre der beste Zeitpunkt, Ihr Buch zu lesen: als werdende Mutter, als junge Mutter, als zukünftige Großmutter?

Inga Erchova: Jeder Zeitpunkt ist gut. Es ist nie zu spät und nie zu früh, sich selbst besser zu verstehen. Wenn man das Buch mehrfach liest, so wird es unterschiedlich wirken, je nach dem, in welcher Lebensphase man sich gerade befindet. Man wird überrascht sein, dass manche Passagen dann neu vorkommen oder anders empfunden werden.

Gibt es eine Chance, dass in unserer Gesellschaft, sich eines Tages etwas ändern wird?

Inga Erchova: Die Gesellschaft fängt mit jedem Kind an, das geboren wird und mit jeder Frau, die Mutter wird. Wenn eine junge Mutter sich die Entbehrungen ihrer eigenen Kindheit eingesteht und den Trost ihrem inneren Kind schenkt, der lange aussteht, dann kann sie ihrem geborenen Kind einen besseren Start ins Leben schenken. Und wenn das noch eine Mutter tut und noch eine Mutter, dann wird eine Generation von Menschen heranwachsen, die anders tickt als wir. Wenn diese Generation einmal erwachsen ist und in der Politik, Wissenschaft, Bildung oder Kultur aktiv ist, wird sie nicht darauf bedacht sein, ihr kleines verletztes Ego mit Ruhm, Macht oder Gewinn egoistisch zu stärken. Sie wird mit dem offenen und liebenden Herz für das Wohlsein aller Lebewesen auf der Erde sorgen. Die große Revolution fängt mit uns Müttern an.


Inga Erchova ist Diplom-Psychologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Aufgewachsen in Russland, lebt sie seit ca. 20 Jahren in Deutschland. Bis zur Geburt ihrer ersten Tochter arbeitete sie in der freien Wirtschaft. Nach ihrer eigenen intensiven Erfahrung mit dem ersten Kind widmete sie sich persönlich wie beruflich den wenig erforschten Phänomenen der Mutterschaft. Seit vielen Jahren arbeitet sie nun als Psychologin für junge Mütter und Familien, hält Vorträge und leitet Seminare für Hebammen zum Thema „Die Seele im Wochenbett“. Sie lebt in Flensburg und hat drei Töchter. www.mutterinstinkt.net

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