Interview mam Christa Meves

Famill.lu: Wie ist es zu erklären, dass die Gewalt in unserer Gesellschaft, so rasant eskaliert?

Christa Meves: Der Absturz des deutschen Flugzeugs über den Südalpen hat die Menschen aufgerüttelt und zum Nachdenken gebracht. Mutmaßungen darüber, dass der Flieger durch den schwerst seelisch kranken Copilot zum Absturz gebracht worden sei, scheinen sich zu bestätigen. In das Entsetzen über das Geschehen mischt sich berechtigterweise der Ruf nach Prävention. Was muss gelernt werden aus einem solchen entsetzlichen Drama? Was lässt sich tun, um die Wahrscheinlichkeit zur Wiederholung solcher Katastrophen zu verringern? Gewiss, die Flugsicherheit muss erhöht werden. Maßnahmen dazu sind bereits unverzüglich von der Lufthansa eingeleitet worden.

Aber zwingt nicht grundsätzlich auch der nun immer häufiger auftretende Schrecken von Amokläufen dazu, über das darauf gründende Krankheitsgeschehen nachzudenken, um vielleicht doch auch hier durch rechtzeitiges Erkennen, solchen Wahnsinnskatastrophen vorzubeugen ?

Das berechtigt allerdings nicht zu einem – womöglich abfälligen – Urteilen über ein inkompetentes Beschäftigen mit dem Fall L. aus Montabaur, wohl aber grundsätzlich mit dem Phänomen Amok.

Meine langjährige Tätigkeit als Gutachter beim Jugendgericht und die Praxis als Kinder-und Jugendlichen Psychotherapeutin mögen dazu befugen, einiges über die Erscheinungsformen von Depression und Aggression – die zu diesem Krankheitsbild gehören – in der jungen Generation der vergangenen 40 Jahre auszusagen.

Depresssive Erstsymptome treten heute bei vielen Kindern bereits im Vorschulalter in einer Fülle von Verhaltensstörungen in Erscheinung: Unbändige Unruhe, Dauertrotz, sich steigernde Angriffe auf andere Kinder, aber auch Beschädigung ihrer selbst durch Nägelbeißen und Haarereißen oder auch durch Extreme im Essverhalten: Essverweigerung oder Nasch-bez. Fresssucht haben hierzulande in den vergangenen Jahrzehnten einen all zu frühen und viel zu wenig beachteten Boom erfahren. Sie entstehen durch Umgangsweisen mit den Kindern in ihrer ersten Lebenszeit, wenn die natürliche entwicklungspsychologische Ausgestaltung ihres Lebens unangemessen und deshalb unbekömmlich ist. Da das Zeitfenster dafür in dieser Prägungsphase zunächst noch eine Angelegenheit der Biologie ist und sich mithilfe von Naturgesetzen vollzieht, ist gesunde Entfaltung des Kindes darauf angewiesen, dass die Pflegenden sich in einem nur engen Spielraum ihrer Einwirkmöglichkeit daran halten; denn sonst geht die Natur im Kind blind auf die Suche nach Ausgleich seiner naturnotwendigen Defizite. Die Natur im Kind – in Gestalt seiner Lebenstriebe – wehrt sich so unbewusst gegen das unbestimmt „Falsche“. Dadurch entsteht in dem Kind eine abwehrende Stimmung und eine abwehrende Haltung zwecks Selbstverteidigung, ein innerer automatischer unbewusster Gegenangriff und das heißt: eine Potenzierung der Aggression.

Aggressionsbereitschaft dieser Art ist in jedem gesunden Menschen vorhanden und spontan aktivierbar, sobald er das Licht der Welt erblickt hat. Als automatisch funktionierende Selbstverteidigung erstarkt sie in dem Maße, wie im Menschen innerhalb seiner Entfaltung Kraft und damit auch Aktivierungsmöglichkeiten seiner Selbstverteidigung zunehmen. Wie alle Naturtriebe funktioniert sie blind als Reaktion auf das Gefühl der Bedrohtheit des individuellen Seins. Aggression gehört zur natürlichen Grundausstattung des Menschen. Sie dient in automatisch-triebhafter Funktion der Lebenserhaltung der Geschöpfe.

Die großmächtige Natur kann ihren Lebensdienst innerhalb Naturordnung aber auch überschreiten; deshalb kann sie in jedem Menschen auch – diese Grenzen missachtend – eigenmächtig zu wuchern beginnen.

Deshalb hat jede Gesellschaft, die in der Geschichte der Menschheit Kultur gebildet hat, sich bei der Erziehung der Kinder um eine Einbindung des blinden Naturtriebes in ihre jeweiligen Ordnungsprinzipien bemüht. Im Christentum ist das z. B. das christliche Ethos.

Deshalb lässt sich von diesem psychologischen Grundwissen her voraussagen, dass bei Kindern, die vernachlässigt werden, um deren Befriedigung der natürlichen Lebensbedürfnisse wie Liebe und Geborgenheit und um deren Bindung zunächst an eine Person, sich niemand zureichend kümmert, der ungeordnete Trieb bald zu wuchern beginnt. Vernachlässigung der Kinder wird von diesen nämlich unbewusst als Verunsicherung und damit als Angriff erlebt und mit Aggression beantwortet: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ skandierten die verwahrlosten Gruppierungen der 60-er Jahre.

Zudem förderte die sog. „antiautoritäre Erziehung“, die ab 1965 Eingang in die westlichen Gesellschaften fand, ein Anschwellen des aggressiven Potenzials in der Bevölkerung. Deshalb hat die Gewaltkriminalität in den technizistischen Gesellschaften in dem Übermaß stattgefunden, in dem den Kindern nicht zu einer gesunden Angemessenheit ihrer Erziehung verholfen worden ist, besonders da die Ideologie des Kollektivismus die Ungeborgenheit der Kinder in den vergangenen 40 Jahren enorm gesteigert hat. (1)

Wie sieht eine solche gefährliche Fehlentwicklung in ihrer psychologischen Grundstruktur im Einzelnen aus? Das möchte ich hier noch ein wenig näher ausführen: Das kleine Kind braucht in der Prägungsphase seiner Selbstbehauptung zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr einen erheblichen Spielraum der Eigenentfaltung seines ICH. Schließlich kann es nur so die Möglichkeit seines Überlebens erhöhen. Das heißt: Ein gesunder Trotz des Kindes, eine Phase des Sich-Streitens mit seinen Geschwistern, ist während dieser Zeit, in der sich das Gehirn konstituiert, sinnvoll; denn es hat natürlicherweise Übungscharakter. Die Kunst des Erziehens besteht in dieser Phase darin, dass das Kind im Rahmen natürlicher absichernder geordneter Strukturen seinen Entfaltungsspielraum einerseits erweitert, aber andererseits die Grenzen seines Spielraums durch einschränkende Maßnahmen erfährt.

Wenn nun aber während dieser Zeit der Konstituierung des Gehirns allzu rigide – durch Einschnürung in ein Korsett von Forderungen – oder, noch gefährlicher, mithilfe von Gewalt, mit Prügelerziehung – entgegengewirkt wird, entsteht durch ein Übermaß an unnatürlicher Einschränkung der Aggression (also der natürlichen Verteidigungsbereitschaft) eine Unterdrückung dieser. Das Kind kann sich in einer Gruppe nicht hinreichend wehren. Solange der Mensch noch schwach und abhängig ist, wird er dadurch extrem fügsam. Aber die Natur im Menschen strebt – ihrer Macht auch in uns entsprechend – in natürlicher Weise nach Realisierung. Deshalb bleibt sie in einem nun in solcher Weise gehemmten Menschen wie eine Art Zeitzünderbombe erhalten und bricht – in einem Status von mehr Kraft und mehr Freiraum – dann später explosionsartig durch. Die Aggression überrennt dann gewissermaßen den Willen des Menschen. In ihm entstehen aggressive Wunschphantasien, die sich in dem Ausmaß steigern als er den Lebenserfolg mindernde Einbußen erfährt. Manchmal erlebt er sich dann – spätestens im Erwachsenenalter, als jähzornig, das heißt, er dreht in einem plötzlichen Wutanfall durch. Je nach Mentalität und Ausmaß an chronischer Frustration ist hier ein Fragilwerden der Selbstbeherrschung möglich, bis zum Sadismus und bis zu Mordgelüsten. Je mehr Unverwahrtheit in der Kindheit, um so eher geht der Beeinträchtigte dann etwa ins Bandenwesen oder in den Terrorismus….

12.04.2015

(1) S. Christa Meves: Geheimnis Gehirn, Gräfelfing 2007                                                                                                 Fortsetzung

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