«Der Teilzeitmann» als ein Pionierprojekt

Unter anderem diese Vorteile führte eine Handvoll Männer dazu, die Kampagne «Der Teilzeitmann» ins Leben zu rufen. Sie startete vor zweieinhalb Jahren und will die Vorteile von Teilzeit nutzbar machen. Inzwischen hat sie gegen 100 Unternehmen, Verwaltungen, Verbände und Hochschulen vor allem in der Deutschschweiz besucht. Auch werden individuelle Beratungen zur Gestaltung von flexiblen Arbeitszeitmodellen im Unternehmen sowie Workshops angeboten. Die Kampagne wurde bis Ende letzten Jahres vom Bund finanziert. Sie richtet sich sowohl an die Männer als auch an deren Arbeitgeber.

Dreh- und Angelpunkt des «Teilzeitmanns» ist die Internetplattform www.teilzeitkarriere.ch. Sie listet täglich rund 14‘000 Teilzeitstellen auf, die in der Schweiz online angeboten werden. Eingebettet in das Stellenportal, ist die Website www.teilzeitmann.ch: Hier erfährt der Interessierte mehr über Vorbildmänner und findet viele Informationen zum Thema Teilzeit. Die Internetseiten des Projekts wurden innerhalb eines Jahres rund 900 000-mal aufgerufen. Ebenfalls gute Beachtung findet das Anliegen auf Social Media wie Facebook und Twitter.

Seit der Lancierung des Projekts sind so Tausende von Männern direkt oder indirekt angesprochen worden. Zudem haben über 250 verschiedene Medien und Internetportale im In- und Ausland über das Thema Teilzeit und Männer berichtet. Kurz: Die Kampagne stösst sowohl bei den einzelnen Männern und in der Bevölkerung als auch bei den Medien und Arbeitgebern auf Interesse.

Neue Lebensprioritäten

Vielfach stimmen also Wollen und Tun bei den Männern nicht überein. Untersuchungen haben ergeben: Der Respekt davor, archaische Rollenmuster zu überwinden, ist das Haupthindernis auf dem Weg zur Teilzeit. Es gibt immer noch viele Männer mit der Vorstellung, Alleinernährer einer Familie sein zu müssen. Auch die Angst vor Macht- und Statusverlust hält viele von einem Teilzeitjob ab. Gleichzeitig haben viele Männer Bedenken, dass sie sich einen kleineren Lohn nicht leisten können. Zudem haben sie Angst, dass sich eine Reduzierung des Arbeitspensums negativ auf die Karriere auswirkt und sie als unmotiviert gelten.

Beim Thema geht es auch um eine Wertediskussion. Männer sollten sich fragen: Was ist mir in meinem begrenzten Dasein wirklich wichtig und was macht Sinn für mich? Wenn man Teilzeit arbeitet, steht in der Regel zwar weniger Geld zur Verfügung. Doch im Gegenzug wird die Ressource Zeit in unserer beschleunigten und dichter werdenden Welt immer wertvoller. Sie kann zum Beispiel für die eigenen Kinder genutzt werden. Anderseits geht es aber auch um mehr Zeit für Erholung, persönliche Entfaltung und Beziehungen.

Teilzeitmodelle können diesen neuen Lebensprioritäten entsprechen. Vor allem jüngere Generationen scheinen nicht mehr bereit, wie die Vorgängergenerationen ihr Privatleben dem beruflichen Erfolg komplett unterzuordnen. Das Umdenken hat begonnen. Und: Je mehr Männer – auch mit Führungsverantwortung – Teilzeit arbeiten, desto mehr werden auch viele gut qualifizierte Frauen dies tun können, zum Beispiel nach einer Mutterschaft.

Interessierte Grossunternehmen

Vor allem grössere Unternehmen haben die Vorteile erkannt und bei Teilzeitarbeit für Männer einen Weg eingeschlagen. Ein starkes Thema ist es vorab bei Banken und Versicherungen, in der Pharma-Branche und im kaufmännischen Bereich. Grundsätzlich gilt: Ob Teilzeit möglich ist, hängt vor allem von der Unternehmenskultur und den Vorgesetzten ab. Auf wenig Resonanz stösst sie in der Baubranche, in der Industrie und generell bei Handwerkern und Facharbeitern.

Teilzeit ist vorab ein Thema für die Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft. Vor allem die junge Generation Y hat neue Ansprüche an ihren zukünftigen Arbeitsplatz und nutzt das beste Angebot. Teilzeit ist aber nicht nur für Nachwuchskräfte attraktiv und wird von ihnen auch immer öfter nachgefragt, sondern sie wird auch für die Mitglieder der Generation 50+ gewichtiger: Sie sehen sich mit einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit konfrontiert und machen sich daher Gedanken über andere Lebens- und Arbeitszeitmodelle.

Der Zeitgeist schlägt sich auch in der Statistik nieder. Wie die aktuelle Statistik zeigt, arbeiten in der Schweiz rund 401 000 oder 16,5 Prozent der Männer Teilzeit. Gegenüber Ende 2012 bedeutet das ein Plus von 2,7 Prozentpunkten oder 69 000 Männern! Vorher waren jeweils rund 4000 Männer pro Jahr in die Teilzeit eingestiegen. Inzwischen arbeiten insgesamt 1,656 Millionen Frauen und Männer in der Schweiz Teilzeit, das sind 36%. Teilzeitarbeit ist also drauf und dran, in diesem Land zur gesellschaftlichen Normalität zu werden.

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