Nivellement vers le bas

Dësen Artikel vum Michèle Gantenbein war den Leitartikel am Wort, den 12. Juni 2018

Die Abschlussexamen im Secondaire sind so gutt wie überstanden. Im Classique wurden erstmals weniger Examensfächer geprüft. Weniger Prüfungen bedeutet weniger Stress bedeutet bessere Noten bedeutet bessere Chancen, an renommierten Universitäten angenommen zu werden. Soweit der Gedanke. Doch funktioniert das?

Der Überlegung liegt die Annahme zugrunde, dass der Schüler ein leistungsbereites Wesen ist, das alles tut, um sich bestmöglich auf die Prüfungen vorzubereiten.

Die Praxis aber zeigt, dass der Mensch dazu tendiert, sich nach unten anzupassen. Dass Luxemburg mit der Reduzierung der Zahl der Fächer eine Benachteiligung der Luxemburger gegenüber ausländischen Schülern aus dem Weg räumt, ist zu begrüßen. Aber es ist ein Trugschluss zu glauben, die Schüler würden zu besseren Leistungen angespornt.

Die Maßnahme wird zu einem weiteren Nivellement vers le bas führen, wie das Kompensieren oder die automatische Versetzung. Auch die Schaffung vun zwei Leistungsniveaus im Enseignement général geht in diese Richtung. Warum anstrengen, wenn es auch anders geht?

Und so wurschtelt sich der Schüler durch das System Schule, landet durch Kompensieren, mit geringer Anstrengung und etwas Glück auf einer Abschlussklasse und darf dann einzelne Fächer abwählen. Das führt mitunter zu der abstrusen Situation, dass Schüler in den ersten beiden Trimestern in den abgewählten Fächern einen Notendurchschnitt anpeilen, der sie im dritten Trimester von jeglicher Leistung entbindet und sie zu Statisten im Unterricht macht.

Nivellement vers le bas, die einen verneinen das Phänomen und reden die Probleme schön. Die andern wundern sich über die steigende Zahl von Schul- und Leistungsverweigerern oder ärgern sich über das kümmerliche Output des Systems Schule. Was wir nicht tun, ist den gedanklichen Rahmen, in dem wir uns seit Jahrzehnten bewegen, zu verlassen und das System, die Inhalte, die Form der Wissensvermittlung und den Umgang mit den Kindern in Frage zu stellen.

Kinder stehen Erwachsenen gegenüber, von denen sich keiner mehr verantwortlich für sie zu fühlen und jeder überfordert zu sein scheint. Eltern, Lehrer und Schüler sind einem ständigen Druck ausgesetzt, der sie fest umklammert, ein seltsames Gemisch aus Leistungsdruck und Zukunftsangst.

Junge Menschen sehen sich als Objekt erwachsener Erwartungen und reagieren mit Frust und Leistungsverweigerung. Doch statt mal kurz innezuhalten und uns zu fragen, was da eigentlich schief läuft, halten wir an alten Glaubenssätzen fest und senken die Anforderungen. Das ist der falsche Ansatz.

Wir können Schülern mehr abverlangen, ihnen mehr zumuten. Aber dazu brauchen sie sinnhafte Lernerfahrungen in einem kreativen Umfeld mit Erwachsenen, die sich in einer lebendigen Beziehung auf sie einlassen, im Elternhaus und in der Schule. Was in der Schule heute bestenfalls stattfindet, ist Aneignung von Wissen.

Was wir aber brauchen, ist Potenzialentfaltung und Bildung. Um dahin zu kommen, müssen wir bereit sein, den alten gedanklichen Rahmen zu verlassen und Überzeugungen in Frage zu stellen.

Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber, was Schule nicht mehr zu leisten imstande ist und was Schule leisten muss. Wir brauchen Mut zur Wahrheit und Mut zur Veränderung.

Michèle Gantenbein

michele.gantenbein@wort.lu

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